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Dienstag, 2. Juni 2009


Sag mir, wo Du stehst!

„Der erste Eindruck zählt.“ Diese Weisheit aus Omas Zeiten gilt noch immer, auch wenn sicher Mancher behauptet, dass er keine Vorurteile hat und die Menschen nicht nach ihrem Äußeren bewertet. Das ist jedoch nicht richtig, da wir ständig an einer Positionierung zu unserer Umwelt arbeiten. Lassen wir mal den Großstadtmenschen weg, der, um nicht in einem Übermaß an Informationen zu ersticken, vielleicht 90 Prozent seiner Umgebung ausblendet, so wird Jeder einen ihm / ihr Unbekannte/n, dem er/sie zufällig oder planmäßig begegnet, erst einmal abschätzen. Das ist schon in unserem biologischen Programm fest verankert: Freund – Feind – Beute – Sexualpartner – wir sortieren unser Gegenüber in eine Kategorie ein, die bestimmt, wie wir ihn/sie weiter behandeln. Hinzu kommt das, was wir als Sympathie bezeichnen oder mit anderen Worten: finden wir die/den Andere/n anziehend und interessant oder eher abstoßend. Bis hierher unterliegt das Ganze einem gewissen Automatismus, gegen den wir nicht allzu viel machen können. Erst danach setzt unser durch die Bildung und Erziehung geprägter Filter ein, der uns den Anderen als Abziehbild von Klischees erscheinen lässt oder Dank dessen wir in der Lage sind, Abweichungen von unseren vorgeprägten Bildern wahrzunehmen und diesen einen Wert beizumessen. An diesem Punkt zeigen wir, wie tolerant oder wie voreingenommen wir sind. Toleranz bezeichnet dabei die Fähigkeit, Dinge, die nicht in unser Bild passen, so zu verarbeiten, dass ein neues, breiter gefächertes Bild entsteht. Intolerante Menschen vergessen diese Fakten und Eindrücke hingegen recht schnell, eben weil sie unpassend für ihr Weltbild sind und die bequeme, vorgefertigte Meinung stören.

Es gibt aber selbst bei den tolerantesten Menschen Grenzen, bei denen eine Klappe fällt, wo sie „zumachen“. Eine Grenze, an der die Bereitschaft endet, tolerant zu sein, sich in den Anderen hinein zu fühlen, ihm Verständnis entgegen zu bringen. Das Etikett „Kinderschänder“ ist solch eine Grenze, ebenso wie der Vorwurf ein „Nazi“ zu sein. Während man Ersteres mit gutem Gewissen nur behaupten kann, wenn man für seine Anschuldigungen ernstzunehmende Beweise hat, wird die Nazi-Keule häufig genug bedenkenlos geschwungen. Zumindest kommt es mir so vor, da ich selbst gelegentlich davon betroffen bin.


Wer setzt die Norm?

Natürlich weiß ich, dass ich an diesen Vorurteilen nicht ganz unschuldig bin, denn mein Äußeres stößt manchem Zeitgenossen auf. Ich habe mich niemals an irgendwelche Outfitcodes gehalten, anhand derer man mich hätte sofort zuordnen können. So trug ich zum Beispiel in jungen Jahren zu Bomberjacke und Springerstiefeln lange Haare. Heute habe ich meist immer noch schwarze Armeeklamotten an, trage Stiefel und gern auch mal ein passendes Mützlein auf dem Kopf.
Ich tue das nicht aus irgendeiner politischen Motivation heraus, sondern ganz einfach, weil mir dieser Aufzug gefällt. Wer will, kann mich einen Uniform-Fetischisten nennen, auch wenn das sicher nicht trifft, da ich mir keine tollen Sachen kaufe und mich herausputze. Für Mode habe ich mich im Gegenteil nie sonderlich interessiert. Der Grund, dass Armeeklamotten einen festen Platz in meinem Kleiderschrank fanden, ist einfach darin zu suchen, dass sie immer recht preiswert und robust sind, für mich das wichtigste Kriterium schlechthin.

Trotz meines „militanten“ Äußeren, das gern als „rechts“ gedeutet wurde und wird, habe ich mich politisch immer als Linken verstanden. Ich denke, dass es wichtig ist, nach einer gerechten Gesellschaft zu streben, in der es gerade den „einfachen“ Menschen, also denen, die hart arbeiten müssen, um ihr täglich Brot zu verdienen, gut geht. Darauf hin sollte die ganze Politik angelegt sein und nicht darauf, dass sich eine kleine Gruppe an wahlweise Blut- oder Geldadligen, Parteibonzen oder Supercleveren auf Kosten der Gemeinschaft bereichert. Ich war mir schon immer sicher – und bin es bis heute – dass eine GUTE Gesellschaft nur eine ist, die ihren Mitgliedern möglichst viel Freiraum für die individuelle Entfaltung lässt und nur in Form von Gesetzen und Sanktionen eingreift, wenn die Freiheit des Einen die des Anderen beschränkt. Ein Staat, den ich als Organisationsform zumindest für notwendig erachte, sollte auf einer starken Gemeinschaft seinen Bürger beruhen, nicht auf Waffen und Macht und schon gar nicht auf ausschließenden Ideologien. Um es an dieser Stelle explizit auszuführen: Die nazistische „Volksgemeinschaft“ ist aus meiner Sicht ganz sicher nicht erstrebenswert, negiert sie doch alle, die sich nicht „artgerecht“ verhalten (Kommunisten, strenggläubige Menschen, die ihren eigenen moralischen Vorstellungen treu bleiben, Homosexuelle etc.) und die, die nicht wahlweise „deutschen“ oder „arischen“ Blutes sind (wie immer man das auch definiert - Herr Göbbels hatte dafür den Spruch auf Lager: „Wer Jude ist, bestimme ich!“)

Möglicherweise sind meine Vorstellungen nach der Definition von Politikwissenschaftlern nicht „links“ aber ehrlich gesagt, ist mir das egal. Auf jeden Fall bin ich kein Rechtsradikaler, wie mancher vielleicht aufgrund meines Äußeren schließt, mit ziemlicher Sicherheit bin ich nicht mal ein Rechter, wenn ich auch in manchen Fragen des täglichen Lebens sicher konservative Ansichten habe. So bin ich der Meinung, dass eine Familie für die Entwicklung eines Kindes von immanenter Bedeutung ist. Ganz ehrlich gesagt, finde ich es auch etwas befremdlich, wenn Menschen ihre andersartige Sexualität mit aller Macht ins Rampenlicht zerren. Ich spreche z.B. Transsexuellen ihre Existenzberechtigung nicht ab aber für wirklich „normal“ kann ich das nicht halten, sorry. Ähnliches ließe sich über Menschen sagen, die sich unnötigerweise gesunde Gliedmaßen amputieren lassen, weil sie sich nur so glücklich fühlen. Letztendlich sind das aber alles nur Randphänomene, zu denen man sich eigentlich keinen Kopf machen muss, solange sie einen nicht selbst betreffen. Sollte dies aber der Fall sein, weil zum Beispiel ein Freund über eine Geschlechtsumwandlung nachdenkt, dann ist es sicher gut, wenn man sich erst einmal intensiv mit dem Thema beschäftigt, bevor man demjenigen die Freundschaft kündigt oder irgendwelchen Schwachsinn über „Perverse“ von sich gibt. Kommen wir aber zurück zum Thema.

Dass wir uns solche Gedanken überhaupt machen können und dass ich meine Vorstellungen dazu in einer wenn auch sehr speziellen Öffentlichkeit äußern darf, ist keine Selbstverständlichkeit. Im Dritten Reich hätte manche meiner Äußerungen sicher für einen längerfristigen „Kuraufenthalt“ hinter schwedischen Gardinen ausgereicht. Seien wir also froh, dass wir ein demokratisches System haben, das es zumindest idealerweise allen Menschen ermöglicht, nach ihren Fähigkeiten und Talenten, unabhängig von Herkunft, sozialem Status oder sexueller Ausrichtung, glücklich zu werden und sich nach ihren Vorstellungen zu verwirklichen. Dass das System in der Wirklichkeit nicht immer 100-prozentig perfekt funktioniert, wissen wir alle selbst, doch zumindest sind wir theoretisch vor dem Gesetz alle gleich. Die Demokratie scheint mir deshalb die beste aller Alternativen zu sein, ein Viertes Reich ist für mich mit Sicherheit keine wählbare Option. Und auch die „Diktatur des Proletariats“ möchte ich nicht wieder haben – der Name ist eigentlich schon abschreckend genug. Funktionieren kann eine demokratische Gesellschaft meiner Auffassung nach nur, wenn sie sich ihrer Grundlagen und Ziele gewiss ist und zumindest ein Großteil der Menschen mit diesen übereinstimmt. Ob dies in unserem Land wirklich der Fall ist, kann man zumindest bezweifeln.


Extrem – vom Rand bis zur Mitte

Die Nazi-Keule wird meiner Auffassung nach gern geschwungen, um andere Menschen mundtot zu machen. Mit solcherart „Aussätzigen“ muss man sich nicht mehr auseinandersetzen. Das spart viel Zeit und Energie. Auf der anderen Seite wird niemand bestreiten, dass es hierzulande eine ganze Menge Menschen mit rechtsextremen Ansichten gibt, die zudem immer wieder durch Gewalt gegen andersdenkende Deutsche und gegen Ausländer auffallen. Doch welchen Anteil haben diese Zeitgenossen tatsächlich in unserer Gesellschaft? Im Auftrage der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung sind Wissenschaftler dieser Frage nachgegangen und haben mehrere Studien vorgelegt. Die aktuellste stammt aus dem vergangenen Jahr und trägt den Titel „Bewegung in der Mitte - Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2008“. Die Autoren Oliver Decker und Elmar Brähler befragten dafür über 2.500 Deutsche zwischen 14 und 91 Jahren aus allen sozialen Schichten.

Natürlich wäre es nicht sonderlich zielführend, zu Jemandem hinzugehen und ihn zu fragen: „Sagen Sie mal, sind Sie eigentlich rechtsextrem?“ Die Antwort wäre in der Vielzahl der Fälle sicher „Nein“ – wer will sich schon gern als Nazi outen? Also haben sich die Wissenschaftlicher überlegt, wodurch sich ein gefestigtes rechtsextremes Weltbild auszeichnet und sind auf sechs wesentliche Komponenten gekommen:

1. Befürwortung einer Diktatur
2. Chauvinismus (Deutschland, Deutschland über Alles!)
3. Ausländerfeindlichkeit
4. Antisemitismus
5. Sozialdarwinismus (Das Recht des Stärkeren)
6. Verharmlosung des Nationalsozialismus

Um die Zustimmung zu diesen Themenfeldern zu überprüfen, haben sie 18 Aussagen formuliert von „Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform“ über „Ohne Judenvernichtung würde man Hitler heute als großen Staatsmann ansehen“, „Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen.“, bis hin zu „Eigentlich sind die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen.“ Die Zustimmung zum Antisemitismus ermittelten Sie mit Statements wie „Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen.“ Die Befragten konnten dann auf einer Skala von „Ich stimme völlig zu“ bis hin zu „ich lehne diese Aussage ab“ das für sie zutreffende Kästchen ankreuzen.

Zu welchen Ergebnissen kommt die Studie nun? Die Kernaussage lautet: „… rechtsextreme Einstellungen finden sich – zwar in unterschiedlichem Ausmaß – in allen Teilgruppen der Gesellschaft und sind damit ein Problem in deren Mitte und nicht an ihrem Rand. Hinzu kommt die Frage nach dem teilweise sehr hohen Anteil von Probanden, die den im Fragebogen genannten rechtsextremen Aussagen indifferent gegenüberstanden und den einzelnen Aussagen teilweise zustimmten und diese teilweise ablehnten. Der Anteil der Bevölkerung, der sich zumindest nicht klar gegen rechtsextreme Einstellungen positioniert, wird dadurch erschreckend groß.“ Mit anderen Worten: Die offen auftretenden Nazis auf der Straße sind nur die Spitze des Eisberges. Latente Ausländerfeindlichkeit nach dem Motto „Ich hasse nur zwei Dinge: Fremdenfeindlichkeit und Ausländer an meinem Tisch“ sind zum Beispiel an der Tagesordnung und gelten in großen Teilen der Bevölkerung als normal. Die „Faschos“ drücken Volkes Meinung da nur explizit aus. Dies erklärt auch, warum es gerade in ländlichen Regionen kaum Bestrebungen gibt, den Rechtsaußen das Wasser abzudrehen – der brave Bürger ist froh, dass er sich die Hände nicht schmutzig machen muss, weil das schon andere für ihn tun.

Doch was sind die Gründe für diese erschreckenden Zustände? Auch hier hat die Studie passende und plausible Antworten. Basis rechtsextremer Ansichten sind vor allem „wirtschaftliche Deprivation“, also der erlebte Ausschluss vom Wohlstand und die Angst davor; die gefühlte und tatsächliche politische Einflusslosigkeit sowie ein häufig emotional kaltes und gewaltvolles Erziehungsklima. Die Angst davor, selbst ausgeschlossen zu werden und die Furcht vor symbolischen und konkreten Gewalterfahrungen, erhöht zudem die Bereitschaft, andere (Rand-)Gruppen zu stigmatisieren.
Dies sind alles keine typischen Probleme unserer modernen Zeit. Wenn es zum Beispiel vielen Menschen ökonomisch oder politisch schlecht geht, entstehen nach Karl Marx „revolutionäre Situationen“, also solche Situationen, in denen die Mehrheit etwas verändern will. Wer dann was und wie erreicht, hängt sehr von der aktuellen Gemengelage und einigen eher zufälligen Faktoren ab. Tatsache ist: „Die Akzeptanz der Demokratie… nur als Verfassungsnorm, nicht aber aufgrund ihrer Resultate in der politischen Praxis akzeptiert, hängt auch vom wirtschaftlichen Wohlstand ab.“ Wer also die Demokratie als nicht gut für sich erlebt, der ist schnell bereit, sie abzuschaffen.

Ein anderes zeitloses Thema ist die Bedeutung des Bildungsklimas für die Entstehung extremer Ansichten. Nur dort wo die Anerkennung kindlicher Bedürfnisse an die Stelle einer autoritären elterlichen Dominanz tritt, können auch Menschen heranwachsen, die vernünftige Ziele haben und diese mit vernünftigen Mitteln durchsetzen. Wer Gewalt als einzigen Lösungsansatz erlebt, wendet diese Gewalt gegenüber dem jeweils Schwächeren an. Und das sind im gesellschaftlichen Zusammenhang nun mal die „Randgruppen“, diejenigen, die weder wirtschaftliche Macht und / oder eine große politische Lobby besitzen.
Als eine große Gefahr der heutigen Gesellschaft sehe ich persönlich zudem die „gefühlte und tatsächliche politische Einflusslosigkeit“ großer Gesellschaftsgruppen. Dass es in unserem Lande einige Missstände gibt, ist kaum zu übersehen. Nun sind wir weit entfernt davon, eine Bananenrepublik zu sein, doch auch hierzulande gibt es Korruption, Günstlingswirtschaft und interessengelenkte Politik zum Vorteil einiger Weniger auf Kosten der Gemeinschaft. Die Frage, die sich vielen Menschen stellt, ist, wie sich das ändern lässt. Natürlich könnte ein großer Diktator die Situation grundlegend bereinigen, indem er mit „eisernem Besen“ den Miststall auskehrt. Doch wie wahrscheinlich ist, dass das funktioniert? Wer sich etwas intensiver mit der Geschichte des Dritten Reiches beschäftigt, der wird schnell feststellen, dass sich unter Herrn Hitler gerade nicht die „besten Elemente des deutschen Volkes“ durchgesetzt haben, sondern vor allem Speichellecker, Arschkriecher und Krämerseelen an die Oberfläche gespült wurden und so ist es bisher in jeder Diktatur gewesen. Natürlich gibt es auch immer wieder Großartiges, was in solchen Zeiten entsteht aber entweder stört sich das Regime nicht daran, weil es seine Grundlagen nicht erschüttert oder es profitiert davon und fördert das Ganze. Ein beredtes, gern zitiertes Beispiel für solch eine künstlerische Höchstleistung in Nazideutschland sind die Werke Leni Riefenstahls. Auch wenn das heute Viele nicht mehr wissen wollen, für ihren Film zur Olympiade 1936 bekam die Regisseurin zahlreiche internationale Auszeichnungen. Doch darf im Rückblick auf diese Zeit die Frage erlaubt sein, ob diese Kunst nicht mit dem Blut zahlloser Menschen befleckt ist, denn Riefenstahls Inszenierungen haben sowohl mitgeholfen die Massen zu begeistern und gleichzuschalten, als auch ein positives Image des Nazistaates im Ausland erzeugt. Wer heutzutage sich ausschließlich an der „Macht der Bilder“ berauscht, blendet bewusst das Leid aus, das die Hakenkreuz-Bewegung über ganz Europa gebracht hat.

Überhaupt scheint mir dieses „Ausblenden“ eine sehr gefährliche Strategie zu sein, die in unserer sächsischen Landeshauptstadt bevorzugt im Zusammenhang mit der Zerstörung Dresdens am 13. Februar 1945 gepflegt wird. Auf diese Weise findet das „bürgerliche Lager“ schnell Anschluss an die Rechtsaußen, die das Bombardement der Stadt völlig aus dem Kontext gerissen, zu einem einzigartigen Kriegverbrechen hochstilisieren, ganz nach dem Motto „Da kamen völlig unerwartet die bösen Amerikaner und Briten und haben die armen unschuldigen Deutschen getötet.“ Dass es nicht so gewesen ist, weiß Jeder, der schon einmal ein Geschichtsbuch aufgeschlagen hat. Manche aber wollen das nicht wissen. Persönlich halte ich den Angriff durchaus für ein Verbrechen, eben weil vor allem zivile Opfer – die, um irgendwelchen Antifantösen Diskussionen vorzubeugen, zumindest zu einem Teil sicher auch Täter gewesen sind – zu beklagen sind. Auf alliierter Seite war man damals der Überzeugung, dass diese Art „psychologischer Kriegsführung“ die Deutschen dazu bewegt, schneller aufzugeben. Das Gegenteil haben die Bombenangriffe erreicht. Die Gräuelpropaganda der Nazis bekam damit eine realistische Entsprechung und der „Durchhaltewillen“ oder besser gesagt die Angst vor den Folgen einer militärischen Niederlage wurden verstärkt.


Die Schuldstruktur

Persönlich halte ich es für ziemlich dumm, sich wie Kinder im Sandkasten hinzusetzen, gegenseitig mit dem Finger aufeinander zu zeigen und zu sagen: „Der hat aber…“ Einmal Geschehenes lässt sich nicht rückgängig machen. Jeder Krieg, jedes Verbrechen hat seine Ursachen und Wirkungen. Die entscheidende Frage ist, wo man beim Suchen anfangen will, wo aufhören. Der Zweite Weltkrieg und der Aufstieg der Nazis sind nicht denkbar ohne den ersten Weltkrieg und die Demütigung der Niederlage. Der erste Weltkrieg wurde vom Kaiserreich angezettelt, weil man sich gegenüber anderen europäischen Mächten im Hintertreffen in Bezug auf die Kolonien sah. Dass Deutschland nur über wenige Kolonien verfügte, lag an der späten Gründung eines Reiches, dass solcherlei Interessen hätte umsetzen können. Ein wesentlicher Grund dafür, dass es so lange dauerte, bis Deutschland als einheitlicher Staat mit seinen Konkurrenten mithalten konnte, lag darin, dass der dreißigjährige Krieg zum großen Teil auf dem Territorium stattfand, das später einmal Deutschland werden sollte. Der Krieg tobte übrigens von 1618 bis 1648…
Auf der Basis eines fundierten historischen Wissens lässt sich dieses Spiel sicher noch ein ganzes Stück weiter treiben und gebildeten Zeitgenossen mit Rechtsaußen-Weltbild sollte es ohne weiteres gelingen, das Dritte Reich zu „rechtfertigen“. Wenn alle Argumentationen versagen, gibt es ja immer noch das Weltjudentum, das verschwörerisch im Hintergrund seine Fäden gezogen hat, um die ach so guten, heldenhaften Deutschen zu vernichten. Bleiben wir aber lieber bei den Fakten.

Es hat zu jeder Zeit und überall Menschen gegeben, die der Meinung waren, dass ihnen mehr und Besseres zustünde, als das, was sie besaßen. Es hat auch immer Menschen gegeben, die meinten, ihre Ideen wären so großartig, dass sie den Rest der Welt damit beglücken müssten, im Zweifelsfalle auch mit Feuer und Schwert. Insofern sind wir Deutschen oder sagen wir besser die Generation unserer Großeltern und Urgroßeltern, sicher nicht schlechter als Andere. Leider waren damals die Mittel gegeben, dass es zu einer solchen Katastrophe wie dem Zweiten Weltkrieg kommen konnte. Wir sollten deshalb nicht versuchen, die Dinge, die damals geschehen sind, zu rechtfertigen, sondern stattdessen versuchen zu verstehen, wie es dazu kommen konnte.

Einen wesentlichen Anteil an der unheilvollen Entwicklung Deutschlands im zwanzigsten Jahrhundert haben elitäre, menschenverachtende Ideologien gehabt. Hätte sich die demokratische Weimarer Republik durchgesetzt, wären uns Faschismus und Kommunismus erspart geblieben. Doch in den wenigen Jahren zwischen dem ersten Weltkrieg und dem Beginn der braunen Diktatur hatte viele Deutsche nichts Besseres zu tun, als die Bemühungen um eine einigermaßen gerechte Gesellschaft zu torpedieren, gleichermaßen von rechts wie von links. Man mag dies unseren Vorfahren nachsehen; Menschen sind allgemein recht ungeduldig und wenn sich an den konkreten Verhältnissen, in denen man lebt, nichts ändert oder die Entwicklung zu langsam geht, dann setzt man gern auf diejenigen, die schnelle Besserung versprechen. Um es in der Sprache von Star Wars auszudrücken: Die „dunkle Seite der Macht“ verspricht den sofortigen, mühelosen Erfolg, Demokratie hingegen ist harte Arbeit. Die kann natürlich nicht allein von einigen Wenigen geschultert werden. Dahingehend sehe ich eines der größten Probleme unseres Landes: Die politische Elite hat es nicht verstanden, breite Teile der Bevölkerung zur Teilnahme an der Gestaltung der Gesellschaft zu bewegen.


Demokratie – quo vadis?

Manchmal glaube ich, dass diese geringe Teilnahme an demokratischen Prozessen gewollt ist. Es ist natürlich wesentlich bequemer, die Menschen ruhig zu stellen und über die Köpfe der Massen zu entscheiden. Das funktioniert solange gut, solange die Grundbedürfnisse befriedigt sind; Nahrung, Kleidung, Wohnung, gesellschaftliche Anerkennung. Zu viel materieller Wohlstand führt auf der anderen Seite jedoch dazu, dass neue Bedürfnisse geweckt werden und das ist offensichtlich nicht gewollt. Die große Kunst der Staatsführung scheint – auch in der Demokratie, so wie wir sie erleben – darin zu bestehen, das Gleichgewicht zwischen Veränderungsdruck und Zufriedenheit gut auszutarieren. Das mag sich wie eine Verschwörungstheorie anhören, ist aber sicher näher an der Realität als das Idealbild unserer Gesellschaft, wie es propagiert wird.
Von der Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit profitieren immer wieder politische Rattenfänger wie die Rechtsextremen. Das kann man schlecht finden, doch im Prinzip ist es müßig, diesen Leuten vorzuwerfen, dass sie genau das tun, was Jeder machen sollte. Anstatt rumzusitzen und zu meckern, stellen sie politische Forderungen und arbeiten an deren Umsetzung. Natürlich ist das aus demokratischer Sicht Scheiße, da jeder halbwegs gebildete und moralisch integere Mensch sehen kann und muss, wo es hinführt, wenn diese Leute wieder an die Macht kommen. Erst verschwänden die politischen Gegner in KZs, dann andere unliebsame Zeitgenossen und am Ende „wehrte“ man sich gegen die bösen ausländischen Mächte oder suchte Lebensraum im Osten. Wem das gefällt, der kann sich auch gern zum Kampfeinsatz nach Afghanistan melden; dort überdenkt er seine Ansichten vielleicht noch einmal.

Gegen Nazis zu sein, genügt allein nicht, man sollte meiner Meinung nach auch FÜR etwas sein. Frieden, Menschenwürde, ein sinnerfülltes Leben sind nur einige Ideen, für die es sich einzusetzen lohnt. Eine „Gesellschaft ohne Nazis“, wie es die organisierte Antifa sicher gern hätte, wird es niemals geben. Vielleicht nennen sich diese Leute irgendwann mal anders; elitäre, menschenverachtende Weltanschauungen werden sich aber nie ausmerzen lassen (ein Ausdruck übrigens, der mir nur sehr schwer über die Lippen geht, da er im Dritten Reich exzessiv verwendet wurde, um Massenmorde zu verklausulieren). Die Menschen sind – entgegen dem Glauben vieler Religionen – nicht absolut „gut“, genauso wenig, wie sie abgrundtief „böse“ sind. Fakt ist jedoch, dass die äußeren Umstände, die gesellschaftliche Wirklichkeit in der wir leben, bestimmte Eigenschaften in uns fördert, andere unterdrückt. Eine Gesellschaft, die zum Beispiel auf das Recht des Stärkeren setzt, ist aus unserer Sicht grausam, denn nur den Wenigsten sollte es gelingen, in jeder beliebigen Situation der Beste oder Stärkste zu sein. In der Demokratie zählen andere Werte, so zum Beispiel, dass jeder zum gesellschaftlichen Wohlstand (nicht gleichzusetzen mit dem materiellen) das beiträgt, was er im Rahmen seiner Möglichkeiten beitragen kann. Übrigens: Unsere Schwächen sind ein wichtiger Bestandteil unserer Persönlichkeit, die uns zu dem machen, was wir sind, nämlich Menschen und keine Maschinen.


Von nichts kommt nichts

Oben zitierte Studie kommt zu dem Schluss, dass in Deutschland der Anteil von Personen mit manifestem rechtsextremem Weltbild bei 7,6 Prozent liegt – im Osten sind es 7,9, im Westen 7,5 Prozent. Hiermit wäre also die Legende begraben, dass es sich bei dem Problem um ein rein Ostdeutsches handelt. Vielmehr gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Regionen. Auch wenn Mecklenburg-Vorpommern in mehreren Kategorien „Spitzenreiter“ ist - Bayern ist in vielen Punkten auf „Ost-Niveau“. Ein Grund zur Freude für uns „Ossis“ ist das jedoch nicht: „Ein Unterschied zwischen alten und neuen Bundesländern ist … die unterschiedliche Dichte zivilgesellschaftlicher Organisationen und der unterschiedliche Mobilisierungsgrad der Bevölkerungen. In Westdeutschland gelingt bisher tendenziell die Mobilisierung gegen Rechtsextremismus stärker als im Osten, abzulesen etwa an den Teilnehmenden an Gegendemonstrationen oder der Zahl der Vereine o.ä., die sich gegen Rechtsextremismus positionieren. Hierdurch konnte im Westen vermutlich leichter gegenüber der rechtsextremen Einstellung diskursive und kulturelle Hegemonie gewonnen werden. Eine Schlussfolgerung hieraus ist, den Aufbau und die Unterstützung zivilgesellschaftlicher Projekte bundesweit, aber insbesondere in den neuen Bundesländern weiter zu fördern. Und gerade dort, wo es wenig zivilgesellschaftliche Strukturen gibt, ist es zu befürworten, solche Strukturen zu schaffen, die wiederum andere Vereine, Bündnisse oder Projektgruppen unterstützen.“ Dies sollte man insbesondere den Politkern ins Stammbuch schreiben, die hierzulande „aus Geldmangel“ Jugendclubs schließen oder Jugendarbeit NPD-Kadern überlassen.

Niemand wird als Rechtsextremer geboren. Ein kleines Kind wundert sich vielleicht, warum ein Mensch eine schwarze Hautfarbe hat und fragt direkt, doch Vorurteile hat es keine. Negative Einstellungen werden erst im Laufe der Sozialisation erworben. Aufgabe des Elternhauses und der ganzen Gesellschaft muss es sein, dem entgegenzuwirken. Aus meiner Sicht ist es dabei jedoch unklug, schnell mit einem Urteil zur Hand zu sein. Wer junge Menschen, die sich noch in einer Phase der Selbstfindung befinden, vorschnell als Nazis stigmatisiert, läuft Gefahr, dazu beizutragen, dass sich deren verquere Ansichten verfestigen. Aus Trotz wird Wut und aus Wut Hass. Hier heißt es gerade und um jeden Preis miteinander zu reden und zu überzeugen. Auch wenn es manchmal nur darum geht, dass die Möchtegern-Hitler einmal ein andere Meinung hören und kapieren, dass nicht Jeder ihre Ansichten teilt. Geduld und Zeit sind wohl die besten Heilmittel. Nicht zu vergessen konsequentes Handeln, wenn die Jungnazis Illegales tun. Das „Aufklatschen“ eines anderen Menschen ist keine Lappalie; wenn solche Aktionen durchgehen, kommen die Heranwachsenden zu dem Schluss, dass sie ungestraft machen können, was sie wollen.

Anfällig für die einfachen Parolen der Nazis – aber auch für die anderer Extremisten – sind übrigens nicht nur Jugendliche, vertreten werden extremistische Positionen statistisch gesehen eher von Männern, von Menschen mit geringer Bildung, zunehmend mit steigendem Lebensalter und natürlich auch von Arbeitslosen oder anderweitig wirtschaftlich Benachteiligten. Das verwundert sicher Niemanden, sich damit abzufinden, ist jedoch keine Lösung. So schön es ist, wenn Menschen bei Anti-Nazi-Demos „Gesicht zeigen“, so wichtig ist es auch, dass im Alltag etwas gegen das Abdriften in extremistische Weltanschauungen getan wird. (Junge) Männer brauchen eine Möglichkeit, ihren Testosteron-Überschuss abzubauen, zum Beispiel durch Sport. Insbesondere sozial schwachen Menschen muss der Wert von Bildung vermittelt werden, denn Bildung ermöglicht ihnen sozialen Aufstieg und ein besseres Leben. Alte Menschen gilt es aus ihrer sozialen Isolation zu befreien, in der ihr Weltbild vorrangig von den sensationsgierigen Medien geprägt wird. Wer Ausländer oder Jugendliche persönlich kennt, sie trifft, sich mit ihnen unterhält, ist weniger leicht bereit, sich Angst machen zu lassen und nach einem starken Mann zu schreien. Jugendliche und Arbeitslose brauchen gleichermaßen eine berufliche Perspektive, die Chance am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, zumindest aber eine Aufgabe, die ihr Selbstwertgefühl festigt. Dies sind alles Aufgaben, die sich eine demokratische Gesellschaft stellen und an deren Bewältigung sie Tag für Tag arbeiten muss. Wenn wir wie jetzt, immer größere Teile hinten runterfallen lassen, bekommen wir Probleme wie Jugendgewalt und Rechtsextremismus nie in den Griff. Es bringt nichts, die Nazikeule zu schwenken und Menschen an den Rand zu drängen. Ganz besonders nicht, wenn man diese Personen nicht kennt. Wer in seinem Club, in seinem Betrieb, in seiner Schule jemanden sieht, der Rechts zu sein scheint, dann sollte man versuchen, mit ihm / ihr ins Gespräch zu kommen. Was gerade viele Antifanten nicht begreifen, ist, dass sich nicht jeder ständig mit dem Problem Rechtsextremismus beschäftigt. Thor Steinar ist für Manche halt nur eine Klamottenmarke unter vielen. Mancher kennt auch Codes wie „18“, „88“ oder „14 words“ nicht. Und selbst wenn die Träger von solchen Symbolen wissen, was sie da tun, ist noch lange nicht gesagt, dass sie für die Demokratie verloren sind. Es hat sicher wenig Sinn, sich einer Horde randalierender Nazi-Skinheads entgegen zu stellen – da ruft man lieber die Polizei – mit den Einzelnen kann man jedoch immer sprechen. Das ist allemal besser, als die Person fertig zu machen. Wer moralisch besser sein will, der muss sich auch entsprechend verhalten.

Zum Abschluss noch ein Zitat aus der Studie, das zumindest ein kleines Stück weit versöhnlich stimmt: „Im Zeitverlauf stellen wir fest, dass für die Bundesrepublik insgesamt eine kontinuierliche Abnahme der Zustimmung auf fast allen Dimensionen [rechtsextremistischer Positionen] zu verzeichnen ist.“

Na dann: Für Frieden und Demokratie: Seid bereit!

(Der Artikel erschien im Kulturmagazin downUnder)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"Ich spreche z.B. Transsexuellen ihre Existenzberechtigung nicht ab aber für wirklich „normal“ kann ich das nicht halten, sorry. Ähnliches ließe sich über Menschen sagen, die sich unnötigerweise gesunde Gliedmaßen amputieren lassen, weil sie sich nur so glücklich fühlen."

Diese transphobie Sichtweise beruht wohl auf einem Missverständnis über das Geschlecht des Menschen, dem immer noch sehr (leider sehr) viele Menschen anhängen. Wenn ein transsexuelles Mädchen, das mit penis und Hoden geboren wurde den Wunsch hat, dass man ihm hilft und ihm zu einem normalen, dem Geburtsgeschlecht entsprechenden Genital verhilft, dann mag es zwar nicht "normal" sein, dennoch ist dies Teil der Natur. Dummerweise gibt es immer noch Individuen, die einer Geschlechtsideologie anhängen, die das Geschlecht ausschliesslich über das Vorhandensein oder fehlen eines Penis definiert und ein transsexuelles Mädchen daher mit "Junge" betiteln - wissenschaftlich korrekt ist dies aber nicht, da die Biologie des Menschen komplexer ist, als oft behauptet und eben ein Genital zwar in den meisten aller Fälle zur Geschlechtsbestimmung herangezogen werden kann, aber eben nur in den meisten Fällen und nicht in allen. Abweichungen der Geschlechtsentwicklung kommen in der Natur vor, doch wird dies meist aus ideologischen Gründen noch ignoriert, obwohl die Biologie (und eben auch die Wissenschaften) da eine völlig andere Sprache sprechen. Noch heute gibt es in Deutschland nahezu ausschliesslich transphobe Medienbeiträge, die auf ebenso transphoben Geschlechterklischees basieren (welche u.a. die Psychoanalyse noch liebend gern in die Welt setzt), anstatt einmal genau hinzuhören, wenn z.B. ein transsexuelles Mädchen das äussert, was wissenschaftlich längst erklärbar ist: Ich bin ein Mädchen. Ein Mädchen, welches mit Penis und Hoden geboren wurde. Den Wunsch des Mädchens nach Korrektur seiner Genitalien mit Körperteilamputationen zu vergleichen, kann nur der zu Stande bringen, der dieses Mädchen "Junge" nennt.

disorder hat gesagt…

Hat zwar mit dem Thema nur am Rande zu tun aber warum nicht. Hab ja gesagt, dass ich da etwas konservativ bin. Außerdem muss ich gestehen, dass ich da nicht so weit gedacht hab. Ich dachte mehr an Leute, bei denen dieser Änderungswille hauptsächlich mental bedingt ist. Wie auch immer. Soll jeder nach seiner Façon glücklich werden. Ich finde es nur manchmal etwas seltsam, wenn das Thema so hochgekocht wird aber nun ja. Für die, die's betrifft, ist es sicher wichtig. Ich find's eher etwas abseitig.

Octapolis hat gesagt…

Willkommen im Hodenblog! Jungejunge, da haste wieder getippt...
Bezüglich der Klamottenproblematik: Kann ich bestens nachvollziehen und es gibt nur eine Erkenntnis: Ist zwar doof, aber nicht änderbar. Kannst ja mal um umgehkehrten Sinne im Tokio Hotel-Shirt, oder besser noch in einem Fussballtrikot im Bunker oder so aufschlagen. Erzielt ähnliche Effekte.
Und guck mal: Wenn man von Natur aus schon gut aussieht, also quasi wie unsereiner, dann ist man schon gesegnet.

Schönes Wochenende!

disorder hat gesagt…

Wo Du Recht hast, hast Du Recht :-)